Rezension: „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler

Judith W. Taschler mit ihrem Roman "Das Geburtstagsfest". (Bild: Maria Noisternig)

An „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler habe ich lange geknabbert, gelesen, darüber nachgedacht. Nicht, dass der Roman nicht gut geschrieben wäre oder das Thema uninteressant wäre. Ich tat mir aber irgendwie etwas schwer mit dem Lesen. Noch schwerer fiel mir, mir eine ausgegorene Meinung darüber zu bilden. Ob mir das gelungen ist, zeigt die folgende Rezension.

Wir haben mit Judith W. Taschler schon vor dem Erscheinen von „Das Geburtstagsfest“ gesprochen. Im Interview hat sie uns unter anderem erzählt, das es sich dabei zwar um eine fiktive Geschichte handele. Aber sie habe einen großen emotionalen Bezug zum Land Kambodscha. Schließlich haben ihre Eltern 1980 eine kambodschanische Flüchtlingsfamilie aufgenommen.

„Das Geburtstagsfest“: Feier endet in Katastrophe

Im Roman ist das ähnlich, auch hier geht es um Flüchtlinge aus Kambodscha – einen Jungen und ein Mädchen. Die Ausgangslage ist so: Der einst vor den Roten Khmer geflohene und mittlerweile in Österreich heimisch gewordene und mit einer Österreicherin verheiratete Kim Mey wird 50. Zum Geburtstag wollen ihm seine Frau und seine Kinder gegen seinen Widerstand ein großes Fest ausrichten. Der Sohn denkt sich eine Überraschung aus: Er lädt die Frau ein, mit der Kim damals aus Kambodscha geflohen war. Das Ganze endet in einer Katastrophe.

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Der Roman hat mich gefesselt, er ist lebendig geschrieben, er hat überraschende Wendungen. Ich wollte zu jedem Zeitpunkt wissen, wie der Roman endet, wie es mit den Protagonist*innen weitergeht. Schon früh schwebt eine graue Glocke an schlechten Stimmungen über der Szenerie. Der zurückhaltende Kim ist weder erfreut über das Fest zu seinen Ehren noch über die Überraschung. Überhaupt hat man den Eindruck, dass Kim wenig Freude an seinem Leben hat.

Cover Das Geburtstagsfest
„Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler. (Cover: Droemer)

In zahlreichen Rückblenden erfahren wir mehr über das Leben der österreichischen Gastfamilie, zu der auch Kims jetzige Frau gehört. Wir kämpfen uns gemeinsam mit Kims Familie durch ein hartes Leben in einem Fischerdorf in der Vor-Rote-Khmer-Zeit und lesen von den Privilegien einer reichen Hoteliersfamilie, der der spätere Überraschungsgast entstammt.

Der Rest ist dann clever konstruiert. Der Roman bietet, wie schon geschrieben, einige Überraschungen. Am überraschendsten ist dann freilich das Ende – und für mich auch wenig zufriedenstellend. Aber das ist natürlich auch nicht die Aufgabe eines Romans.

Gut recherchierte Geschichte

Am eindrucksvollsten war für mich die detaillierte Beschreibung des Landes und seiner Leute, die teils hart zu ertragenden Schilderungen von Folter, Mord, Misshandlungen. Dabei hat man immer das Gefühl, den Beschreibungen trauen zu können. Taschler hat schließlich nicht nur lange mit Menschen aus Kambodscha zusammengelegt, sondern auch lange vor Ort recherchiert.

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Neben den knallharten Fakten gelingt es Taschler zudem, eine stark gefühlsbetonte Ebene einzubauen. Eine Liebesgeschichte, die an den Vorkommnissen in der Vergangenheit zerbricht, eine Familie, die zerbrechlicher ist als man denkt, gebrochene Menschen.

„Das kann doch nicht wahr sein“, ist wohl der Satz, der mir während des Lesens am häufigsten im Kopf herumgegangen ist. Das betrifft sowohl die realen Gräueltaten als auch die fiktiven Teile der Erzählung. Aber es ist wie oft im Leben. Ein verworrenes Beziehungsknäuel lässt sich nur schwer auflösen. Lügen kommen irgendwann doch ans Licht. Und manchmal lässt sich das Knäuel nur auflösen, indem man bestimmte Fäden zerschneidet.

Fazit: Volle Wucht und dämpfende Glocke

Mit voller Wucht geht einem Judith W. Taschlers „Das Geburtstagsfest“ unter die Haut. Aber es bleibt das Gefühl einer dämpfenden Glocke. Wie kaputt müssen Menschen sein, die so eine Gewalt erlebt haben? Wieviel Gefühl können sie zulassen? Was ist mit Schuld und Sühne? Ich empfehle den Roman uneingeschränkt. Er hat mich beim Lesen und danach beschäftigt, mit unzufrieden zurückgelassen. Was will man mehr?

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