Judith W. Taschler: „Schreiben ist knochenharte Arbeit“

Judith W. Taschler
Judith W. Taschler. (Foto: Judith W. Taschler)

Am 1. April, kein Scherz, erscheint ihr neues Buch „Das Geburtstagsfest“. Im Interview hat uns die in Tirol lebende Autorin Judith W. Taschler erzählt, wie sie zum Schreiben kam, warum sie alte Autos im Linzer Stadthafen verkauft hat und welche Ziele sie unbedingt noch erreichen will.

MBW-Blog: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Judith W. Taschler: Ich habe schon als Kind und Jugendliche geschrieben und auch den Traum gehabt, Schriftstellerin zu werden. Ganze DIN-A4-Hefte habe ich in der Volksschule vollgeschrieben, in der Schulzeit dann eine alte Schreibmaschine gekauft, auf der zahlreiche Geschichten und Romananfänge entstanden sind. Sie sind alle im Müll gelandet, heute tut mir das leid. Mit zwanzig habe ich aufgehört zu schreiben, weil ich gedacht habe: Das Ganze ist unrealistisch und kindisch, du schaffst es sowieso nicht.

Erst mit 39 habe ich endlich den ernsthaften Versuch unternommen, eine Geschichte, die bereits jahrelang in meinem Kopf herumgegeistert ist, zu Papier zu bringen, dieses Mal auf dem Computer, und zwar bis zum Schluss. Ich habe gewusst, wenn nicht jetzt, wann dann? Und dass ich mir immer vorwerfen würde, es nie probiert zu haben. Ich habe damals unterrichtet und gespürt, das ist nichts auf Dauer für mich. Danach habe ich das fertige Manuskript  mehrere Leuten lesen lassen, weil ich unbedingt ein Feedback gebraucht habe. Alle haben gemeint: Trau dich, verschick es! Daraufhin habe ich es an mehrere Verlage geschickt und Picus (Wien) hat im Juli 2010 zugesagt, das Buch machen zu wollen. Im Februar 2011 ist mein Debütroman ‚Sommer wie Winter‘ dann erschienen, ich bin auf Wolke sieben geschwebt, es hat sich unglaublich gut angefühlt.

Du hast einen interessanten Werdegang, Horterzieherin, Sekretärin, Autoverkäuferin, Deutschlehrerin … 

Ich war nach der Matura und nach einem Aufenthalt in den USA als Aupair fest davon überzeugt, in Wien Germanistik und Geschichte zu studieren, jedoch ist mir die Liebe dazwischen gekommen. Ich habe mich in einen russischen Flüchtling verliebt, und da er keine Arbeitserlaubnis hatte, musste ich arbeiten gehen, sonst wären wir in Linz verhungert und hätten auch die Miete nicht zahlen können. Ich habe mir also einen Job gesucht und bin in der ÖMV Chemie als Sekretärin untergekommen, außerdem haben wir, der Russe und ich, alte Autos im Linzer Stadthafen verkauft. Später habe ich zwei Jahre lang als Horterzieherin gearbeitet. Erst mit 25 bin ich nach Innsbruck gegangen, um Germanistik und Geschichte zu studieren, das war nach der Trennung. 

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Ist Autorin zu sein dein Traumberuf oder könntest du dir noch was anderes vorstellen, was dir mehr Spaß machen würde?

Autorin zu sein ist mein Traumberuf. Wenn ich keine wäre, könnte ich mir vorstellen, in einem Verlag als Lektorin zu arbeiten oder als Buchhändlerin, jedenfalls etwas, das mit Lesen zu tun hat. 

Was schätzt du am meisten am Autorin-Sein? Das Schreiben, die Reaktionen auf deine Bücher, Lesungen?

Das sind vor allem drei Dinge. Ich liebe es, mir die Geschichten und Charaktere auszudenken, damit im Kopf ‚herumzuspielen‘, bis das grobe Konzept steht, diese Phase dauert oft jahrelang und ist irgendwie so ’spielerisch‘. Alles ist noch möglich. Das Schreiben selbst ist knochenharte Arbeit, besonders der Anfang. Den Anfang zu schreiben, das fühlt sich immer etwas ‚masochistisch‘ an, und es dauert immer seine Weile, bis ich in der Geschichte richtig drin bin, ich quäle mich da oft richtig. Was ich dann aber wieder liebe, ist das Schreiben der zweiten Hälfte bzw. des letzten  letzten Drittels. Wenn es dem Ende zugeht und der Flow endlich da ist, will ich gar nicht mehr weg vom Computer. Und das Schönste ist sowieso, wenn man das gebundene Buch endlich in Händen hält. 

Wieviele Stunden am Tag verbringst du ungefähr mit Schreiben? Wie lange brauchst du für ein Buch?

Wenn ich ein Schreibprojekt beginne, ziehe ich das innerhalb weniger Monate durch. Ich kann nicht jahrelang an einem Roman schreiben, ich würde die Geduld verlieren oder den roten Faden oder es kommen mir andere Geschichten dazwischen. Den Debütroman „Sommer wie Winter“ habe ich innerhalb von drei Monaten geschrieben, den „Roman ohne U“ in fünf Monaten, „Die Deutschlehrerin“ in sieben Monaten, … und „Das Geburtstagsfest“ innerhalb von neun Monaten. Für dieses Buch habe ich bisher am längsten gebraucht.  Ich schreibe in solch einer Phase viele Stunden am Tag, fange mit vier bis fünf Stunden an, zum Schluss sind es auch mitunter zwölf. Der Abgabetermin naht und man stellt fest, dass man zu lange getrödelt hat ;-). 

Du schreibst in einem Baumhaus, stimmt das? Erzähl uns, wie das ist?

Ich nutze das Baumhaus nur in der warmen Jahreszeit, von Mai bis Oktober. Im Winter ist es mir trotz Heizstrahler doch zu kalt. Ich genieße darin die Abgeschiedenheit, in der Wohnung ist oft wegen der Kinder und ihrer Freunde viel Trubel, auch den Blick auf die Stadt hinunter, und den Zirbengeruch. 

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Am 1. April erscheint dein neues Buch „Das Geburtstagsfest“. Wie viel von dir/wieviel Reales steckt in dem Buch?

Ich erzähle eine fiktive Geschichte, es steckt von mir selbst dieses Mal gar nichts drin, nur mein großer emotionaler Bezug zum Land Kambodscha. Es geht ja um die Rote-Khmer-Zeit, um Traumata, Flucht und Neubeginn in einem anderen Land. Meine Eltern haben 1980 eine kambodschanische Flüchtlingsfamilie aufgenommen, und wir sieben Kinder sind mit den Kindern Nget, You, Li San, Sophal und Maria aufgewachsen, die zwei Jüngsten sind schon bei uns geboren worden. Diese Erlebnisse mit ihnen zähle ich auch heute noch zu den wertvollsten Erfahrungen in meiner Kindheit. Aber die Geschichte ist rein fiktiv. 

Welches deiner Bücher bedeutet dir am meisten und warum?

Mir bedeuten alle sehr viel. Aber vermutlich habe ich zu „Roman ohne U“ und „bleiben“ eine besondere Beziehung. 

Dein Roman „Die Deutschlehrerin“ hat sich gut verkauft und wurde verfilmt? Wie war das, das eigene Werk auf der Leinwand zu sehen?

Es wurde gar nicht verfilmt. Die Filmrechte wurden zwar von einem Wiener Filmproduzenten optioniert, die Verfilmung selbst hat sich aber immer wieder hinausgezögert. Mir war es gleichgültig, und zwar wirklich vollkommen gleichgültig. Ich glaube, ich hätte mich mit dem Film nicht identifizieren können. Das ist ja immer so eine Sache mit Literaturverfilmungen, der Autor muss sich dann von seinen Bildern im Kopf verabschieden. Aber der Roman kommt jetzt in Innsbruck auf die Bühne, das freut mich ohnehin mehr. 

Was wünscht du dir noch für dein Autorinnendasein? Welches Ziel willst du unbedingt erreichen?

Dass mir die Ideen nicht so schnell ausgehen. Ich möchte einfach in der Lage sein, noch viele Jahre lang Buchideen zu haben und weiterschreiben zu können. 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

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