David Gray: „Vielleicht bin ich ja längst ein Fall für den Psychiater“

David Gray/Ulf Torreck im Interview. (Bild: Facebook/Torreck)

In wenigen Tagen erscheint der neue Sherlock-Holmes-Roman „Der Geist des Architekten“ des deutschen Autors David Gray. Wir haben David Gray, der eigentlich ganz anders heißt, anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung zum Interview gebeten. David hat uns dabei unter anderem verraten, welcher seiner Protagonisten ihm am nächsten ist, ob er vom Schreiben leben kann und was er sich für sein nächstes Buchprojekt wünscht.

MBW-Blog: Du schreibst unter verschiedenen Namen/Pseudonymen – welches ist dein liebstes? 

David Gray: Stimmt, ich benutze verschiedene Pseudonyme. Das geht soweit, dass ich eigentlich unter einem meiner Pseudonyme, nämlich David Gray, deutlich bekannter bin als unter meinem bürgerlichen Namen Ulf Torreck. 

Das Abenteuer mit dem David-Gray-Pseudonym begann, als Amazon.com nach den USA und UK auch hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit seinem KDP-Programm E-Books zu vermarkten begann. 

Ich hatte zu dem Zeitpunkt drei Romane in der Schublade, die mein Agent Michael Meller aus verschiedenen Gründen für unverkäuflich hielt. Also suchte ich sie heraus, ließ sie korrigieren und lud die Teile bei Amazon.de hoch. Aber Herr Meller bestand zuvor darauf, dass ich da ein Pseudonym drüber schrieb. 

So kam ich zu David Gray. Oder vielleicht kam der Gray ja auch irgendwie zu mir. Ich bin mir da gar nicht so sicher wie das damals eigentlich zuging. Jedenfalls ist Herr Gray für mich Segen und Fluch zugleich gewesen. Der ist ein ziemlicher Draufgänger und teilweise auch ein Großmaul, was Ulf, also mein wahres Ich, gar nicht ist. 

Aber der Gray hat inzwischen auch mehr als 80.000 Bücher verkauft und Rezensionen in großen Zeitungen/Magazinen bekommen, daher kann ich den Typen jetzt nicht mehr einfach so killen, obwohl ich das manchmal schon ganz gern getan hätte. Ein Pseudonym hat ja auch Vorteile. Das ist eine Maske, hinter der man sich verbergen kann, zwar nicht vollständig, aber immerhin weit genug, um zeitweise zu einer Art Chimäre aus realem Ich und Kunstfigur zu verschmelzen. Das kann durchaus praktisch sein, wenn du zu Lampenfieber neigst, aber plötzlich vor mehreren Hundert Menschen lesen musst oder Live-Interviews fürs TV oder das Radio zu geben hast. Wann und ob das auf die Dauer zu einer Art erworbenen Schizophrenie wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht bin ich ja längst ein Fall für den Psychiater?

Wann ist deine produktivste Schreibzeit? 

Das kann ich so genau nicht sagen. Das ändert sich auch im Laufe der Jahre. Früher war es der Vormittag, einige Romanen habe ich allerdings fast komplett nachts verfasst. 

Du hast einen Wunsch für dein nächstes Buchprojekt frei – welcher wäre das? 

Abgesehen davon, dass es sich auch finanziell lohnt? Hm, also etwas wünsche ich mir schon lange. Wir brauchen mehr Genrekategorien, die vom Buchhandel und den Verlagen auch genutzt werden. Es ist inzwischen sehr kompliziert geworden bestimmte Romane/Texte in die viel zu engen Kategorien des Buchhandels und der Verlage einordnen zu können. 

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Und dann schafft man in einem ziemlich blöden Anfall von Aktionismus auch neue Kategorien, die so nichts sagend offen und/oder unkalkulierbar sind wie z. B. Young Adult. Ich frage mich seit Jahren, was zur Hölle soll das denn nun wirklich sein? Die „Hunger Games“ z. B. wurden ja massiv unter dem Label YA vermarktet, obwohl doch offensichtlich ist, dass das eine Gesellschaftskritik in Form einer Dystopie ist. Bisher habe ich noch keinen aus der Branche getroffen, der mir glaubhaft erklären konnte, dass man diese Romanreihe nicht auch unter der Genrekategorie Dystopie hätte an die Leser bringen können. 

Andere Kategorien wiederum, die im Ausland durchaus gängig sind und sich seit vielen Jahrzehnten bewährt haben, werden hier einfach nicht eingeführt. Ein Gothic Roman ist eben etwas anderes als bloßer Horror und ein Polar etwas anderes als ein Hard-Boiled-Krimi oder gar ein ganz gewöhnlicher Krimi. 

Mich durchfährt jedes Mal ein kleiner Stich, wenn ich sehe, dass man z.B. meinen „KanakenBlues“, der ein harter Polizeiroman ist, neben Schinkennudelkomödchen mit ein paar Highlights von harmlosem Mord in die Buchhandlungsregale stellt.

Das tut, meiner Meinung nach, weder den mit etwas blauem oder rotem Blut abgeschmeckten Schinkennudeln gut, noch dem deutlich realistischeren Sound des KanakenBlues, der an einem Freitagabend aus irgendeiner Reeperbahnkaschemme leise klagend über Kotze und benutzte Kondome hinweg in die Neonpfützen auf dem Hamburger Asphalt einsickert.

Kannst du vom Schreiben leben? 

Ja. Obwohl ich mich zuweilen auch frage, wie zum Geier ich das eigentlich hinkriege. Doch irgendetwas geht immer. In diesen Zeiten vom Journalismus leben zu müssen, falls man gerade keine hochgehandelte Edelfeder ist, ist eindeutig schwieriger, denke ich. 

Welche Autorenaufgabe ist für dich am schönsten: Schreiben? (Öffentlich) Lesen? Netzwerken? Vertragsverhandlungen? 

Bitte? Vertragsverhandlungen?!! Wer liebt denn Vertragsverhandlungen?! Das sind knochentrockene basarähnliche Veranstaltungen, für die du dir besser einen Vollschutzanzug für die zuweilen ja doch empfindliche Künstlerseele überstreifst und dann dafür antrittst wie Rocky Balboa einst gegen Ivan Drago in den Ring trat, nämlich zu allem bereit und mit dem Herz eines Killers. (Ich übertreibe hier nur sehr vorsichtig!) 

Nein, das mag keiner. Oder vielleicht mag man das ja, wenn man Agent ist. Aber das ist eine durchaus eigene Art von Mensch – nicht grundsätzlich unsympathisch, aber doch auch sehr zielorientiert. 

Schreiben fetzt schon. Aber auch zu denken ist ein Vergnügen. Recherche kann auch sehr interessant sein. Wobei ich diese Sorte von Recherche, welche Nummer der vorletzte Zug, der am 11. August 1876 aus Dodge City hinausfuhr, hatte, ziemlich verabscheue. 

Lesungen zu geben, kann auch eine geile Sache sein (selbst für Leute mit Lampenfieber wie mich).

Wie kommst du zu deinen Themen? 

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Die kommen zu mir. Das machen irgendwelche meiner Synapsen, auf die ich keinen realen Einfluss habe. Es macht dann einfach Klick und schon beginnst du dich zu fragen, wie wohl der Alltag für eine aus Brüssel in den Schützengraben vor Verdun geflohene Wanderratte ausgesehen haben mag? 

Stehen dir deine Protagonisten nahe? Welcher war dein absoluter Favorit bisher?

Lewis Boyle, der schwarze Kripokommissar aus „KanakenBlues“ und „Sarajewo Disco“, stand mir lange schon ziemlich nahe, weil der viel mit mir gemein hatte. Beinahe schon zuviel. Aber ich mag auch Sherlock Holmes, der ja auch Held von bisher zweien meiner Romane ist und demnächst in einem dritten auftreten wird. Unter allen klassischen Detektiven der Kriminalliteratur ist der Mann schon der spannendste, finde ich.

Der Typ ist ja auch ein tragischer Fall, schreiend einsam, weil diese extreme Maschine, die er statt eines Hirns hat, ihn von so gut wie jedem anderen Menschen zwangsläufig isoliert. Kein Wunder, dass Mister Holmes zum Kokser wurde. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch Watson sehr mag, der auch mehr Kanten und Knicke aufweist, als man sie ihm gemeinhin zutraut. Der gute Doktor ist nämlich ein Spieler, Frauenheld und Abenteurer – der klassische Thrillseeker eben. Und das ist es auch, was ihn befähigt, es so lange mit dem schon sehr strangen Mister Sherlock Holmes auszuhalten. Wenn Sherlock ein Telegramm an Watson schreibt, in dem steht: „Bringen Sie Ihren Revolver mit!“, kann es in ganz London keinen anderen Mann geben, der so happy ist wie der gute Doktor John Hamish Watson.

Hast du ein literarisches/schriftstellerisches Vorbild? 

Nicht wirklich. Es gibt schon Kollegen und Texte, die man sehr bewundert. Aber da kommt eine ziemlich lange Liste zusammen, die von Margaret Atwood, Raymond Chandler und Dashiell Hammet über James Ellroy, Michael Ondaatje, J.M. Coetzee  bis zu Salman Rushdie, Wallace Stroby oder eben auch Heiner Müller, Bert Brecht und Kafka reicht, ohne dabei jedoch Jorge Luis Borges, Pessoa oder Jose Saramago zu vergessen. Du siehst, es ist ein völlig sinnloses Unterfangen, da irgendeine Ordnung hereinbekommen zu wollen.

Liest du selbst gern? 

Ja. Aber ich komme zu selten dazu, irgendetwas nur noch aus purem Vergnügen zu lesen. 

Hand aufs Herz – stellst du dir deine eigenen Bücher ins Regal?

Nein, ein paar davon liegen in einem Fach in der Nähe meines Schreibtisches. Aber ich bin sicher, dass ich gar nicht alle Bücher, die ich verfasst habe oder an deren Entstehen ich beteiligt war, überhaupt im Haus habe.

Danke für das Interview und viel Erfolg!

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